Das Mädchen mit den gläsernen Füßen

Das Mädchen mit den gläsernen Füßen - Ali Shaw Erster Satz: In jenem Winter berichteten die Zeitungen über einen Eisberg von der Größe einer Galeone, der voll knirschender Erhabenheit an den Klippen von St. Hauda‘s Land vorbeitrieb, über ein Wildschwein, das verirrte Wanderer aus dem Felsenlabyrinth unterhalb des Lomdendol Tor herausführte, über einen verblüfften Ornithologen, der in einem Schwarm von zweihundert Krähen fünf Albinos gezählt hatte.Oh ja, das ist tatsächlich der erste Satz. Schon hier bekommt der Leser einen Vorgeschmack wie die restlichen Sätze aufgebaut sind. Wenn ich mir meine Schreibratgeber so ansehe, verstehe ich wieder einmal nicht, wie es das Buch geschafft hat, nicht auf den Absagenstapel zu landen.Der Klappentext ist etwas irreführend und ich sage gleich: Das Buch spaltet die Meinungen. Ich mochte es, Danny hingegen hat nach hundert Seiten aufgehört zu lesen – etwas was sie sonst nie tut.Zum Inhalt: Midas und Ida lernen sich auf St.Haudas Land (nicht googeln, ist fiktiv), Midas Heimat kennen. Dort sind alle Bewohner etwas eigenartig, ganz und gar nicht stereotyp. Ida kehrt nach ihrem Sommerurlaub auf die Insel zurück, um das Geheimnis ihrer sich in Glas verwandelnden Füße zu lösen. Sie lernt Midas einen stillen in sich gekehrten Jungen kennen. Durch ihre aufkeimende Freundschaft/Liebe holt sie ihn aus seinem Schneckenhaus heraus und bringt sein bis dahin gefestigtes Weltbild durcheinander. Er fängt an, die Welt mit seinen Augen anstatt durch das Objektiv seiner Kamera zu sehen. Dabei muss er einiges an Vergangenheit aufräumen.Idee: Grundsätzlich finde ich die Idee gut. Was Neues und auch das fiktive St. Haudas hat seinen Charme. Eine eigenwillige Idee, das muss man schon sagen.Plot: In meinen Augen nichts Spektakuläres. Es wird aus verschiedenen Sichtweisen erzählt, das gefällt mir. Immer wieder taucht man in Ida, Midas, Midas Vater und weiteren Charakteren ein, dennoch fehlte mir der „Sog“. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Der Drang weiterzulesen war da, aber es gab etliche Szenen, bei denen ich mich (teilweise schon während des Lesens) gefragt habe, ob man das nicht auch hätte streichen können. Es gibt keinen Showdown, sondern ein teilweise erwartendes aber auch befürchtetes Ende.Schreibstil: Was soll ich sagen: Adjektive. So viele, dass es selbst mir aufgefallen ist. Ich muss nicht alles „gezeigt“ bekommen, manchmal mag ich es, wenn einfach geschrieben wird, wie die Dinge sind. Doch hier war es einfach „too much“.Hier frage ich mich, was letztendlich den Lektor veranlasst hat, das Manuskript nicht wegzulegen. Vermutlich ist es ihm so wie mir ergangen. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich mochte die gläsernen Füße gerne lesen. Vor allem die Dialoge sind hervorragend und würden allein bei mir volle Punktzahl bekommen. Vergeblich sucht man nach dem Beiwerk (sagte er, bemerkte sie). Damit geizt der Autor. Zurecht, denn die Dialoge funktionieren ohne diese Schnörkelei.Charaktere: Schwierige Charaktere mit eigenwilligen Eigenheiten. Ida erscheint mir am Normalsten. Allerdings ist sie von der unternehmungslustigen Abenteurerin durch ihre Füße etwas melancholischer geworden. Midas wird sehr schön durch sein Hobby, der Fotografie, charakterisiert. Seine Vergangenheit und Kindheit hat ihn spürbar geprägt und das setzt der Autor wunderbar um. Auch alle anderen Charaktere werden überzeugend dargestellt. Selbst die Tochter seines Freundes trägt schon ein Päckchen mit sich.Hintergrund: Ali Shaw hat gut gearbeitet. Ich habe nach St. Haudas gegoogelt. Ich dachte, die Insel gibt es wirklich. Eine tolle Leistung, wie er sein Setting beschreibt und für die Geschichte nutzt. Leider sind bei mir Fragen offen geblieben. Es gibt gewisse Dinge, die ich gerne gewusst hätte und einige Sachen, die in dem Buch vorkommen, scheinen mir ganz schön und eine tolle Idee, aber ohne tieferen Grund zu sein. Es ist schon gut, wenn mal Fragen offen bleiben, aber bei diesem Buch würde ich den Autor ganz viele Fragen zum Hintergrund stellen.Fazit: Schön. Ungewöhnlich. Eigenwillig. Nicht das Erwartete. Es ist leider enttäsuchend, dass nicht alles was im Klappentext vermerkt ist, thematisiert wird. Denn – so finde ich – die fiktive Welt von St. Haudas wird nur unzureichend ausgeschöpft.Trotz der stellenweisen Längen konnte mich die Geschichte packen. Einzig eine Sache hat mir das Lesevergnügen geschmälert: Das Ende.Ich mag die gläsernen Füße, vor allem wegen der eigenwilligen Charaktere und der Dialoge (man muss sich darauf einlassen können). Das Buch hat ein wunderschönes Cover, eine so liebevolle Aufmachung mit dem silbernen Schnitt und der absolute „Eye Catcher“.