Interview mit Kai Meyer

Als ich bei Carlsen für dieses Interview angefragt hatte, hatte ich nicht wirklich damit gerechnet, eine Zusage zu bekommen. Um so schöner war es, auf der Leipziger Buchmesse einem der erfolgreichsten Autoren Deutschlands gegenübersitzen und ihn interviewen zu dürfen.

Kai

 

Schreibst Du gerade an etwas Neuem?
Den neuen Roman für Carlsen habe ich schon abgegeben. Der Arbeitstitel ist „Smile“, aber das fertige Buch wird wohl einen anderen Titel bekommen.

 

Ist das wieder eine Mischung von Genres, wie Du es gerne machst?
Es ist eine Mischung aus Weltuntergang/Endzeit und einer Geistergeschichte. Ein Roman über die Apokalypse, aber auf keinen Fall eine Dystopie.

 

Gibt es eine Liebesgeschichte?
Ja, diesmal allerdings sehr zurückgenommen. Der Roman erscheint bei Carlsen unter dem Bittersweet-Label, aber in erster Linie besteht er aus einer Menge Action.

 

Wird es ein Einzelband oder ein Mehrteiler?
Ein Einzelband, was ich in nächster Zeit wohl wieder häufiger machen werde.

 

Ist eine Trilogie anstrengender zu verfassen?
Es ist eine andere zeitliche Verpflichtung. Bei ‘Arkadien’ zum Beispiel wusste ich, es werden drei Jahre. Das war einer der Gründe, warum der Roman auf Sizilien spielt. Wenn ich drei Jahre mit einer Geschichte verbringe – und im Kopf reise ich ja ziemlich intensiv zu den Schauplätzen – dann lasse ich sie lieber irgendwo spielen, wo es hübsch ist.

 

Als Du die Recherche für ‘Arkadien’ betrieben hast, waren da Filme wie „Der Pate“ oder die Serie „Die Sopranos“ ein Thema?
Ich hab eher die italienischen Mafiafilme aus den Siebziger angeschaut. Die Atmosphäre der Sechziger und Siebziger sollte in die Geschichte einfließen. So kam auch das Lied „My Death“ in den Roman. Zu der Zeit spielten noch wahnsinnig viele europäische Filme am Mittelmeer, für die Leute war das sehr viel exotischer als heutzutage, wo jeder für hundert Euro in die Karibik fliegen kann. In Italien, Frankreich und Spanien wurden jedes Jahr Hunderte Filme gedreht, ganz anders als heute, und ich wollte diese Atmosphäre haben, die man in all den gleichgeschalteten Hollywoodfilmen und amerikanischen Bestsellern nicht mehr findet.

 

Fährst Du zu den Schauplätzen?
Zu einigen schon, aber nicht zu allen. Früher habe ich viel mit Bildbänden gearbeitet, heute kann man mithilfe des Internets viel über Google Earth machen. Allerdings war ich für die Arkadien-Bücher auf Sizilien und für ‘Asche und Phönix’ in Südfrankreich.

 

Wird Arkadien verfilmt werden?
Es gibt Verhandlungen mit einer deutschen Firma, aber viel mehr darf ich dazu noch nicht sagen. Ehrlich gesagt lohnt es sich auch meist nicht, weil am Ende doch nichts daraus wird. Vielleicht klappt es diesmal, aber die Chancen sind im Filmgeschäft verschwindend klein.

 

Würdest Du selber das Drehbuch schreiben?
Nein. Ich habe früher Drehbücher geschrieben, aber es ist ein ganz anderes Schreiben. Drehbücher schreibt man auf eine bestimmte Länge und unter ganz bestimmten dramaturgischen Anforderungen. Ich neige zum Beispiel dazu, viel zu lange Dialoge zu schreiben, die für Drehbücher nicht besonders geeignet sind. Ich musste sie damals bei meinen Filmen meist stark kürzen, was ihnen nicht unbedingt gut getan hat.

Mein erstes professionelles Drehbuch war ein Horrorfilm für RTL, „School’s Out“, und hatte in der ersten Szene einen Dialog von acht oder zehn Seiten. Das ging natürlich überhaupt nicht, viel zu lang für ein normales Drehbuch und erst recht für RTL. Es wurde dann auf drei Seiten gekürzt und der Glaubwürdigkeit der Szene hat das nicht besonders gut getan. Letztlich war das allein meine Schuld, mir hätte das von Anfang an klar sein müssen.

Ich habe damals sechs Drehbücher geschrieben und verkauft, davon wurden zwei tatsächlich verfilmt, was ein ganz guter Durchschnitt ist. Ich hatte aber keine Lust mehr auf die endlosen Diskussionen mit den Redakteuren und Produzenten, auf Jugendschutzbestimmungen und all die Konsensentscheidungen. Mein bester Verbündeter war der Regisseur Robert Sigl, der Dinge durchgesetzt hat, die in einem normalen Fernsehfilm nie durchgekommen wären. Dafür gab es dann allerdings auch nachträglich Ärger mit dem Jugendschutz, RTL musste zigtausende Mark an Strafe bezahlen. Was lächerlich war, aber so läuft das eben in Deutschland.

 

Wie gehst Du mit Kritik um?
Man gewöhnt sich daran, dass es auch Leser gibt, die manche Bücher nicht gut finden. Mir geht es ja genau so mit Romanen anderer Autoren, die viele Leser toll finden und ich trotzdem nicht mag. Am Anfang meiner Karriere, als die Bücher noch nicht so erfolgreich waren, hatte ich fast durchgehend positive Rezensionen. Aber mit den höheren Auflagen kommen ganz zwangsläufig auch negative Meinungen. Insgesamt bin ich aber sehr zufrieden. Es kommt auch immer darauf an, inwiefern ich eine Kritik nachvollziehen kann. Manchmal trifft ja auch jemand gerade bei älteren Büchern einen wunden Punkt, bei dem ich denke, gut, da hat er nicht unrecht. Und dann gibt es das andere Extrem, oft natürlich bei Amazon, wo ich nach einem Satz nicht weiterlese, weil sich der oder die Verfasserin gleich zu Anfang selbst disqualifiziert. Das passiert übrigens auch bei positiven Rezensionen.

Meine Protagonisten polarisieren öfter mal. Mit Rosa aus den Arkadien-Romanen hatte manch einer Probleme und ist ausgestiegen, weil die Figur am Anfang ein wenig sperrig ist – nur war ja genau das meine Absicht. Figuren müssen sich entwickeln, darum versuche ich gar nicht erst, sie gleich auf der ersten Seite sympathisch zu machen. Und nicht selten ist es ja gerade dieses Raue, das sie dann eben doch wieder liebenswert macht. Tarik aus der Sturmkönige-Trilogie ist anfangs ein versoffenes Wrack, der sich nach einigen Kapiteln zusammenreißt und in den drei Romanen eine große Veränderung durchläuft. Aber um das mitzubekommen, darf man natürlich nicht nach drei Seiten das Buch zuschlagen und gleich mal bei Amazon kommentieren: „Ich werde mit der Figur nicht warm.“ Überhaupt mein spezieller Lieblingssatz in Leserrezensionen.

 

Was für einen Stellenwert haben Blogger bei Dir?
Ich bemühe mich, einen guten Draht zu den Bloggern zu haben. Letztlich kann ich natürlich nicht jedem Blog folgen, weil ich sonst nichts anderes mehr machen würde. Ich kann auch leider nicht jedes Interview beantworten. Aber Blogger sind ohne Zweifel sehr wichtig und ich freue mich ehrlich über jede gut geschriebene Kritik. Früher bekam ich zwei Leserbriefe die Woche, heute bekomme ich jeden Tag diverse Mails und Facebook-Nachrichten. Sicher gibt es auch Blogger, die ihre Wichtigkeit etwas überschätzen, der eine oder andere wird auch mal dreist – „Schicken Sie mir doch ein signiertes Buch, dann bespreche ich es auch“ –, aber die Allermeisten sind sehr höflich, freundlich und einfach nur sehr angenehm im Umgang.

 

Viele angehende Autoren scheuen das Kürzen.
Man kann jeden Text kürzen und den meisten tut es ausgesprochen gut. Zwischen meiner ersten Fassung und der Abgabefassung kürze ich eine Menge, da fliegen locker bis zu zwanzig Prozent heraus. Das macht die Figuren klarer und bringt vor allem auch Dialoge auf den Punkt. Man muss nicht jeden Berg und jedes Kleidungsstück über drei Seiten beschreiben.

 

Hast Du schon immer als ersten Schritt Exposés verfasst?
Ja, von Anfang an. Meine Exposés sind sehr ausführlich, meist vierzig bis fünfzig Seiten lang. Ich lege jede einzelne Szene fest, die meisten Figuren und mittlerweile auch fast immer das Ende. Oder eine Version des Endes, manchmal ändert sich das später beim Schreiben.

 

Du weichst also schon von Deinen Vorgaben ab?
Zu neunzig Prozent halte ich mich an den Plot. Innerhalb der Kapitel kann sich einiges verändern, aber der Anfang und Ausgang der Szenen entsprechen meist dem Exposé. Dadurch wissen auch die Verlage ziemlich genau, was sie von mir bekommen werden, und es gibt nachträglich keine Diskussionen darüber, größere Teile des Romans umzuschreiben, weil irgendwem plötzlich irgendetwas nicht gefällt.

 

Arbeitest Du mit Charakterbögen?
Ich hab das ein, zwei Mal versucht, aber dann gemerkt, dass ich bei der Arbeit am Manuskript kaum noch hineinschaue. Bei längeren Geschichten wie etwa der Arkadien-Trilogie kopiere ich mir während des Schreibens einzelne Absätze, die die Charaktere definieren, in eine zweite Datei, die vor allem dann hilfreich wird, wenn ich den nächsten Band beginne. Die Hauptfiguren sind aber meist auch schon im Exposé umrissen, durchaus auch mit allerlei Details.

 

Wie bist Du auf einen Antagonisten wie Libatique (Asche & Phönix) gekommen, den ich persönlich sehr gut gelungen finde?
Die Faustregel heißt: Der Schurke muss Held seiner eigenen Geschichte sein. Er sieht sich selbst im Recht. Jeder Antagonist braucht eine Motivation, und sei sie für Außenstehende noch so bizarr. Libatiques jahrtausendealter Wunsch ist es, eigene Kunst zu erschaffen, nur ist er nicht in der Lage dazu; deshalb verschlingt er die Talente von Menschen, die begabter sind als er.

 

Wie sieht Dein Schreiballtag aus?
Ich korrigiere morgens erst die Seiten vom Vortag, das dauert durchaus ein bis zwei Stunden. Danach versuche ich, zehn Seiten zu schreiben. Das geht nur mit einer Menge Selbstdisziplin, aber ohne die ist man als professioneller Autor eh verloren.

Ich bin seit 1995 hauptberuflich Schriftsteller, vorher war ich Journalist. Ich musste damals um zehn Uhr vormittags in der Redaktion sein, bin aber zwischen fünf und sechs aufgestanden, um vorher ein paar Seiten zu schreiben. Irgendwie hab ich es geschafft, das frühe Aufstehen seitdem beizubehalten.

 

Hast Du Schreibworkshops gemacht, als Du mit dem Schreiben begonnen hast?
Nein, nie. Ich habe eine Reihe amerikanische Bücher über Dramaturgie und ähnliche Dinge gelesen, aber auch erst Jahre nach meinen ersten Romanen. Das klingt immer alles klug und schlüssig, aber ich hab die Erfahrung gemacht, dass ich mich beim Schreiben dann doch wieder mehr oder minder auf mein Bauchgefühl verlasse. Vor allem bei der ersten Fassung des Exposés. Wenn ich es anschließend noch mal durchgehe, lege ich eher bestimmte Regeln und Maßstäbe an, vor allem wenn ich das Gefühl habe, irgendetwas funktioniert nicht. Dann mache ich mir ganz konkret Gedanken über Spannungsaufbau, Charakterisierung und so weiter.

 

Hast Du Testleser, denen Du Deine Texte gibst?
Hatte ich lange nicht, aber vor einigen Jahren habe ich begonnen, die Texte eben doch einmal einigen Leuten zu geben. Das sind alles Menschen aus der Buchbranche, die einen professionellen Blick darauf haben und mir auch – glaube ich – ziemlich ehrlich ihre Meinung sagen. Daraufhin ändere ich durchaus Dinge, meist eher Details, aber manchmal auch ganze Szenen.

 

Liest Du selbst noch viel?
Nicht so viel wie früher. Die allermeisten Bücher beginne ich nur interessehalber, lese aber nur wenige bis zum Ende. Anders ist es mit Hörbüchern. Ich laufe jeden Tag anderthalb Stunden mit meinem Hund durch die Felder, und seit ich dabei Hörbücher höre, schaffe ich auch endlich wieder komplette Romane.

 

Liest Du die Übersetzungen Deiner Bücher?
Nur die Englischen, aber auch das ist eher so ein Querlesen.

 

Was war die außergewöhnlichste Sprache, in die eines Deiner Bücher übersetzt wurde?
‘Arkadien erwacht’ ist auf Baskisch erschienen, das ja nur noch in einem kleinen Teil Spaniens gesprochen wird. Ich habe keine Ahnung, wie hoch die Auflage war, aber viel kann das nicht gewesen sein. Dann gab es Bücher auf Hebräisch oder auch in einigen kleineren asiatischen Ländern, von denen ich gar nicht weiß, ob sie eine eigene Sprache haben oder eher Thai oder Chinesisch benutzen.

 

Stellst Du Dir diese Ausgaben dann auch ins Regal?
Ich müsste von jeder Ausgabe ein Exemplar haben. In der hintersten Ecke meiner Bibliothek gibt es eine Regalwand, in der sie alle stehen. Aber ich würde mir meine eigenen Bücher nie ins Wohnzimmer stellen.

 

Wie viele Manuskripte liegen bei Dir unverkauft/unveröffentlicht in der Schublade?
Keins. Ich schreibe erst, wenn ich einen Vertrag habe. Ich schließe zuerst die Verträge mit den Verlagen ab, in der Regel für mehrere Bücher, und dann mache ich mich an die Arbeit.

 

Das heißt, Du verkaufst nur die Idee an den Verlag?
Oft ist es nicht einmal eine Idee. Genau genommen verkaufe ich mich, meinen Namen oder wie man das nennen möchte. Mit Carlsen habe ich etwa anfangs Verträge über drei Bücher abgeschlossen, es gab weder Inhalt noch Titel. Das gesamte Konzept ist erst später entstanden.

Hin und wieder stelle ich mündlich eine bestimmte Idee vor – so war es zum Beispiel bei der Sturmkönige-Trilogie –, gelegentlich schreibe ich auch mal eine Seite auf mit einer ungefähren Richtung, aber in den letzten zehn, zwölf Jahren war das eher die Ausnahme.

Ich mache das ja nun schon eine Weile und habe bei über fünfzig Büchern zweimal die Abgabetermine überschritten – und dann höchstens um zwei, drei Wochen. Wenn man als Autor erfolgreich mit Verlagen arbeiten will, braucht man eine gemeinsame Vertrauensbasis. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass sie ein ordentliches Manuskript bekommen. Das ist eine Frage der Professionalität, die ich umgekehrt ja auch vom Verlag erwarte.

Im „Spiegel“ stand vor einer Weile, dass in Deutschland geschätzt einhundert Autoren hauptberuflich vom Schreiben leben können. Ich weiß nicht, woher die Zahl kam und wie realistisch sie ist, aber Tatsache ist, dass sogar bekannte Autoren oft noch einen zweiten Job haben. Hauptberuflich können das nur Leute machen, die kontinuierlich arbeiten. In der „Welt“ gab es einen Artikel über Julia Kröhndie unter mehreren Pseudonymen schreibt. Da wurde dann die absurde Diskussion geführt, ob das Vielschreiberei sei, mit diesem typisch deutschen Tenor, wer zwei bis drei Bücher im Jahr unter verschiedenen Pseudonymen und in verschiedenen Genres schreibe, müsse zwangsläufig schlecht sein. Das ist völliger Unfug und noch dazu eine Unverschämtheit. Keiner, der professionell in der Branche arbeitet, würde so etwas allen Ernstes behaupten. So etwas kommt meist von Lesern, die keinen Schimmer davon haben, was Geschichtenerzähler antreibt, oder gern auch von Journalisten, die zehn Jahre an einem unveröffentlichten Manuskript hantieren und Selbstzweifel oder mangelnde Disziplin mit Kunstanspruch verwechseln.

 

Vielen Dank für das tolle Gespräch. Es hat Spaß gemacht!

Quelle: http://aislingbreith.de/blog/2013/08/19/interview-mit-kai-meyer